Sommer-Sonntage
Endlich wieder ein Sommersonntag der schon am frühen morgen klarstellte, dass er sich in eine flimmernde Hitze entwickeln würde. Kurz gesagt , ideales Badewetter. Morgens um 9.00, geht es wie immer Sonntags zuerst zum Gottesdienst mit meinen Eltern in die Kathedrale. Muetti stöckelt , sie trägt dann immer sehr hohe Absätze, in die vorderen Sitzreihen , natürlich links, auf die Frauenseite . Vater und ich stellen uns hinten an den Säulen hin. Es gleicht schon einer kleinen Revolution, dass ich mich mit ihm hinten zu den „ Säulenheiligen „ stellen darf. Es geht ein paar Treppenstufen hoch, und von dort hat man eine herrliche Gesamtübersicht über sämtliche Kirchenbänke , gefüllt mit mehr oder weniger andächtigen Gläubigen. Anfangs konzentriere ich mich völlig auf den mir sehr vertrauten Ablauf des Gottesdienstes, der in lateinischer Sprache abgehalten wird. Ich kenne diese Verse seit meiner frühesten Kindheit, und sie gehen mir sehr flüssig über die Lippen. Das Vater-Unser und das Gegrüsst seist du Maria aber beten wir in Deutsch. So kann ich diese 2 Gebete wenigsten richtig verinnerlichen. Schon meine Grossmutter war eine begeisterte Maria Verehrerin, und den Glauben an die Mutter von Jesus hat auch mich bis heute tief überzeugt. Immer wenn ich in Not war oder bin, halte ich ein innbrünstiges Zwiegespräch mit der hl. Maria der Mutter Gottes. Sie hört zu, und hilft mir immer meine Seelennot zu lindern und hat schon oft veranlasst, dass sich grosse Sorgen in einen hoffnungsvolleren Zustand verändert haben. Davon bin ich überzeugt.
Mein Vater wird , vor allem während der Predigt, die ihn meist langweilt, sehr unaufmerksam, und fängt dann an Golfbewegungen nachzuahmen. Er holt in Gedanken mit dem Schläger aus und wippt mit den Hüften vor all den versammelten Säulenheiligen, so werden die Kirchgänger genannt, die sich hinten oben bei den Säulen hinstellen, so wie wir. Ich stosse ihn an, da mir dieses Benehmen während des Gottesdienstes sehr peinlich ist-Erschrocken hört er dann auf, faltet seine Hände zum Gebet und fängt nun in Gedanken einen Dialog mit der auch von ihm heissverehrten Mutter-Gottes an. Diese hat wohl immer Verständnis für seine gedanklichen Ausrutscher, und lächelt ihm mit milder Güte weiter zu. So gestärkt verlassen wir , sobald der Priester seinen Abschlusssegen gespendet hat, eilig die Kirche.
Eigentlich versammeln sich jetzt alle untereinander bekannten Gesichter noch auf dem Klosterplatz zu einem gemütlichen Plausch. Meinen Vater drängt es aber schnell nach Hause, um mit der gesamten Familie an das gemütliche Badeplätzli am Bodensee zu fahren.
Im Sommer ist das dort, in Kesswil, unser Erholungsparadies. Auf einer gepachteten Wiese , die auf einer Seite an ein kleines Wäldchen grenzt, steht eine nach Holz duftende Hütte, die uns sowohl als Umkleidekabine, aber auch als Unterkunft bei unvorgesehen Regengüssen dient.
Mit lecker gefülltem Pichnick Korb, genügend Badekleidern zum Wechseln, Handtücher und , das Wichtigste, für jeden der Kinder und Vater einen schwarzen Gummi-Autoreifen, erreichen wir schon nach einer knappen halben Stunde Autofahrt unser Sommerparadies.
Der Autoreifen ist der Hit. Mit ihm paddele ich stundenlang im See herum. Auch mein Vater setzte sich gerne in einen Reifen hinein, die Lesebrille auf der Nase, ein Käppi auf dem Kopf dabei eine Zeitung lesend. Seine Füsse bekleideten immer Badeschuhe, da niemand seine Hallux-Zehen sehen sollen. So lässt er sich genussvoll vom leichten Wellengang im erfrischenden Nass treiben.
An einen Zwischenfall erinnere ich mich noch, als wäre er gestern gewesen. Ich vergnügte mich mit meinem schwarzen Schwimmreifen, warf ihn vor mich hin, und schwamm unter ihm durch, immer wieder. Schon ziemlich weit vom Ufer weg, da hörte ich plötzlich ein merkwürdiges Glucksen. Ich schaute mich um in die Richtung des unheimlichen Geräusches. Da , wieder das seltsame Glucksen. Plötzlich sah ich eine Hand die verzweifelt versucht sich am Wasser festzuhalten. Instinktiv schwimme ich auf diese Stelle zu , greife nach der Hand und dem dazugehörigen Arm , und lege ihn um den Autoring. Da kam ein Männerkopf an die Oberfläche, und ich schaffte es tatsächlich, dass der grosse, dunkelhaarigen Mann sich nun mit beiden Armen am Ring festhalten kann. Unterdessen wurden ein paar Badegäste auf den Vorfall aufmerksam, die letzten Meter halfen erwachsenen Schwimmer mir, den auch noch im Wasser schweren Mann an das rettende Ufer zu bringen. Mein Vater, als erfahrener Arzt begann sofort erfolgreich mit Wiederbelebungsversuchen. Erst spuckte der fast ertrunkene Nichtschwimmer literweise Bodenseewasser, dann ging alles sehr schnell.Er setzt sich auf und war sichtlich verwirrt, aber glücklich. Er stammelte in gebrochenem Schwyzerdütsch mehrmals Danke, Danke, und erzählte, dass er plötzlich den Boden unter den Füssen verloren habe. Er sei Nichtschwimmer und dachte, der Bodensee sei nicht so tief. . Es war für ihn ein rettender Zufall, dass ich mit meinem Autoschwimmring in der Nähe war. Mit meinen 14 Jahren hätte ich ihn sonst vor dem Ertrinken , ohne diesem Hilfsmittel , nicht retten können.
Da wurde ich plötzlich zum Star am Ufer von Kesswil. Mir war das eher unangenehm, habe ich doch einfach nur instinktiv richtig gehandelt. Jeder andere hätte das ja auch getan. Das besondere daran war vielleicht, dass ich noch ein Kind war. Das eigenartige Gegluckse aber bleibt mir bis heute in lebhafter Erinnerung.
So verbrachten wir viele Sommer lang die warmen Sonntage am See, auf der Wiese bei unserer Hütte. Wenn mein Vater von seinen Lesereisen zu Wasser zurückkam, verschwand er oft mit meiner Mutter im Wäldchen, dass an unser Grundstück grenzte. Erst Jahre später wurde mir klar, dass die beiden sich wohl an einer luftigen Sexnummer ergötzten. Die ungehemmte Lust sich in freier Natur zu vereinigen ist wohl als Urtrieb in den meisten Menschen vorhanden. Sommerbadehütten gab und gibt es zu Hunderten auf der Schweizerseite des Bodenseeufers.
Irgendwie erwähnte ich, Jahre später, in einem Brief an Peter, meiner heimlichen grossen Liebe, diesen erholsamen Ort, allerdings ohne genaue Ortsangabe.
Es war an einem Pfingstfest. Meine Eltern verbannten mich mit meiner Freundin Vreni an den See, um dass wir dort gemeinsam die Feiertage verbringen sollten. Sie ahnten, dass mich der Deutsche über die Feiertage in der Schweiz besuchen will und um ein Wiedersehen auf jeden Fall zu verhindern, dachten sie sich diese Strafverschickung aus.
Vreni und ich genossen das herrliche Badewetter, aber insgeheim trauerte ich dem vermasselten Wiedersehen mit meiner grossen Liebe nach.
Da, am Pfingstmontag stand er mit einem Freund plötzlich vor uns. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Wie konnte er wissen wo ich bin und woher kannte er die genaue Adresse?
Peter erzählte mir dann , dass er zuerst zu meinem Elternhaus in fuhr. Auf sein Klingeln hin öffnete meine Mutter die Türe und erklärte ihm, dass ich mit meiner Freundin verreist sei. Wohin erwähnte sie mit keinem Wort. Peter erinnerte sich aber dass ich in einem Brief mal eine Hütte am Bodensee erwähnte. Nun klapperte er Samstag und-Sonntag inklusive den Pfingstmontag systematisch alle Badeplätzli und Hütten am Schweizer Ufer ab. Das war eine ungeheure Leistung die mich tief beeindruckte und stärkte meine innige Liebe zu ihm nur noch mehr.
Glückseelig fielen wir uns in die Arme. Völlig erschöpft sanken wir ins Gras, wo Peter sofort schnarchend , mich fest im Arm haltend , in einen tiefen Schlaf versank.